UA-99568827-1 Die richtige Ernährung nach einer Essstörung | mutimbauch
#bodypositivity – Selbstliebe trotz Übergewicht?
4. Mai 2017
Orthorexie – Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird
19. Mai 2017

Die richtige Ernährung nach einer Essstörung

Ich habe schon oft davon berichtet, dass ich der Meinung bin, dass man gerade nach einer Essstörung ganz besonders auf seine Ernährung achten sollte, da diese einen großen Einfluss auf die Psyche hat. Es gibt eine Menge Menschen, die mir da widersprechen und die behaupten - genauso wie viele Psychotherapeuten - dass man sich von Anfang an dazu zwingen sollte, Kuchen, Pizza und Schokolade zu essen. Ich halte das für einen fatalen Fehler, aber beginnen wir von vorne.

Der Grund, warum ich nicht müde werde, über dieses Thema zu sprechen ist, dass ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass mir von Therapeuten geraten wurde, mich direkt nach meiner Bulimie wieder „normal“ zu ernähren. Mit „normal“ ist eine durchschnittliche deutsche Ernährung gemeint - sprich belegte Brote, Fruchtjoghurt, Kuchen, Pasta, Süßigkeiten usw. Ich habe mich zu dieser Zeit auch damit befasst, wie die Ernährung in Kliniken für Essgestörte aussieht und auch hier musste ich feststellen, dass essgestörte Menschen gezwungen werden, täglich Zucker, Weißmehl und tierische Fette zu sich zu nehmen.

Das große Problem ist, dass Bulimie und auch Binge Eating als nicht-stoffgebundene Süchte klassifiziert sind. Das bedeutet, dass sie im Gegensatz zu z.B Alkoholismus (Stoff = Alkohol) an keinen Stoff gebunden sind, sondern dass es rein psychische Erkrankungen sind. Diese Annahme hat mich selbst zur Verzweiflung gebracht. Ich war an einem Punkt, an dem ich wusste, was in meiner Vergangenheit schief gelaufen ist, was mit meiner Psyche nicht stimmt. Und trotzdem hat sich an diesem unendlichen Verlangen, mich mit ungesunden Nahrungsmitteln vollzustopfen nichts geändert. Sobald ich auch nur ein Lebensmittel gegessen habe, dass ich mir außerhalb von Fressanfällen verboten habe, hatte ich einen heftigen Rückfall. Ich war machtlos, konnte mich einfach nicht kontrollieren. Das hat mich immer weiter in einen Sumpf aus Selbstvorwürfen und Verzweiflung gezogen. Und dann wurde mir von Therapeuten gesagt, dass das Essen nicht das Problem ist!? Mir war klar, dass da irgendwas nicht stimmen kann.

Also habe ich begonnen, mich nicht mehr auf die Meinung von „Fachleuten“ zu verlassen sondern habe den Mut gefasst, selbst auszuprobieren, was mir gut tut. Ich habe selbst erlebt, was für einen enormen Einfluss die richtige Wahl der Lebensmittel auf die Psyche haben kann.

Ich habe mein essgestörtes Verhalten analysiert und mir wurde bewusst, dass es nicht einmal vorgekommen ist, dass ich bei einem Fressanfall zu unverarbeiteten Lebensmitteln gegriffen habe. Es waren immer Lebensmittel, die aus einer Kombination aus Industriezucker, Fett und oft Weißmehl bestanden. Oder habt ihr schonmal von jemandem gehört, der bei seinem Fressanfall Brokkoli, Karotten oder Kartoffeln (keine Bratkartoffeln oder Pommes!) gegessen hat? Warum also nicht einfach mal versuchen, den Stoff, der den Fressanfall auslöst, zu vermeiden, genauso wie der Alkoholiker den Alkohol meidet? Wäre nicht das der richtige Ansatz, um es überhaupt wieder zu schaffen, Nahrungsmittel bei sich zu lassen und den Körper zu regenerieren?

Ich selbst habe es geschafft, durch den Verzicht auf Zucker, Weißmehl und raffiniertes Fett ein normales Essverhalten zurück zu erlangen. Ich habe begonnen, mich vollwertig vegan zu ernähren. Zu Beginn habe ich mir nur eine sehr kleine Gruppe an Nahrungsmittel erlaubt, aber mit der Zeit ist es immer mehr geworden. Ich habe Stück für Stück die Angst verloren. Aber es war wichtig für mich, das Ganze in meinem eigenen Tempo zu machen. Mich nicht zwingen zu lassen. Heute esse ich ab und an auch wieder Lebensmittel mit Industriezucker, Pizza oder Burger (natürlich immer vegan;)). Aber selbst wenn du das nicht möchtest, ist das vollkommen okay. Du selbst entscheidest, was du isst und was nicht. Mach dich nicht abhängig von der Meinung andere sondern beginne, dir und deinem Körper wieder zu vertrauen!

Es gibt auch diesmal bestimmt wieder kritische Stimmen, die sagen, dass das, was ich empfehle nur eine Verlagerung der Essstörung ist und das man das Orthorexie nennt. Dem widerspreche ich auch gar nicht. Aber für mich und für ganz viele andere ist das der einzige Weg, überhaupt wieder essen zu können. Wer nicht am eigenen Leib erfahren hat, wie es sich anfühlt, keine Kontrolle mehr über seinen Körper zu haben, der sollte lieber nicht zu schnell urteilen.

6 Kommentare

  1. atariell sagt:

    Ich bin heute 9 Wochen clean. Ohne jede Unterstützung habe ich mich von der Bulimie befreit. Als ich 12 Jahre alt war, habe ich mich das erste Mal geritzt. Jede Konfrontation mit meiner Umwelt kompensierte ich darüber, mir selbst Schaden und Schmerzen zuzufügen. Die Narben sind hässlich und bis heute sichtbar. Für Jeden. Schmerz, den ich, wie andere Tattoos, offen an meinem Körper spazieren trage. Für immer. Nach einer abgebrochenen Therapie zog ich die Zweite bis zum Ende durch. Ich hatte die Ritzerei besiegt, doch nicht die Autoaggression. Sie äußerte sich nun in massiven Fressattacken mit anschließendem Erbrechen. Zu Spitzenzeiten sieben Mal am Tag. Kotzegeruch, Pickel, Hamsterbacken, geschwollene Augen, Wassereinlagerungen und eine ausbleibende Periode selbstverständlich inklusive. Ich habe im vergangenen Jahr gemerkt, dass die Fressattacken insbesondere mit Zucker in Verbindung standen. Ich musste das Zeug nur irgendwo riechen und die Sucht drängte mich in den nächsten Supermarkt. Im April 2017 habe ich von heute auf morgen komplett auf raffinierten Zucker in all meinen Speisen und Getränken verzichtet. „Naschereien“ wurden erst durch Chips, dann durch Nüsse, danach durch Obst ersetzt. Die Zuckersucht war relativ schnell besiegt und ich bin bis heute (ja, auch über Weihnachten!) eisern geblieben. Nun musste es „nur noch“ der Bulimie an den Kragen. Seit meinen ersten Attacken im Jahr 2014 habe ich selbstverständlich mehrfach versucht, aufzuhören, aber immer erfolglos. Das sollte sich Ende 2017 ändern, als ich nach wie vor Probleme mit meiner Menstruation hatte, die sich meine Frauenärztin langsam nicht mehr erklären konnte. Ein Bluttest kam, dann der Schlag: Mein Körper produziert kein Östrogen mehr. Ich bin 32 und in den Wechseljahren. Habe ich wirklich meine Jugend, meine Weiblichkeit, meine Fruchtbarkeit ausgekotzt? Plötzlich habe ich verstanden: Sei für dich da, liebe dich so wie du bist, hilf dir selbst und zeig dir damit, wieviel du und dein Leben dir Wert sind! Das Leben ist das größte Geschenk, unser aller größter Schatz, den wir hüten und umsorgen müssen. Vor allem dann, wenn es kein anderer macht! Ich habe sofort, von jetzt auf gleich, die Bulimie aus meinem Leben verbannt. Ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert. Ich übernehme ab jetzt die Verantwortung. Vor mir selbst und vor anderen. Für meine Vergangenheit, für meine Gegenwart und für meine Zukunft. Seither werde ich jeden Tag stärker, schlagfertiger, gesünder und schöner. Nach einem 20-jährigen Krieg gegen mich selbst, habe ich Frieden mit mir geschlossen. Und ich danke es mir. Jeden Tag.

  2. S. sagt:

    Ich glaube, dass „normal“ essen für Essgestörte ein Leben lang vorbei ist. Ich hab immer mal Phasen, wo es besser oder schlechter läuft, aber „normal“, wie ein gesunder Mensch, einfach das Essen, worauf ich Bock hab und danach nicht mehr weiter daran denken ist für mich mehr als weit entfernt, es ist undenkbar. Auch wenn ich irgendwann alles im Griff haben werde, wird es nicht so sein. Ich habe dann eben „alle im Griff“ aber das bedeutet gleichzeitig, dass ich bewusst mit Disziplin und Kontrolle agiere. So wird es immer sein und viele „geheilte“, die ich kenne, konnten eben das auch nie überwinden. Aber wie du das machst ist es ja nun auch okay. Ein Genesener Alkoholiker ist eben auch ein Leben lang ein trockener Alkoholiker – so sind wir eben ein Leben lang kontrollierte Esser. Die Hauptsache ist ja nunmal, dass man keine Anfälle mehr hat. Psychologen haben auch manchmal echt keine Ahnung. Ich hab oft den Kopf geschüttelt, wenn die von normal essen gesprochen haben. Ebenso wenn die nach einer schlimmen Vergangenheit gesucht haben. Gerade Bulemiker haben doch oft mit vollem Bewusstsein und voller Absicht mit der Sache angefangen. Eine Sucht hat sich dann über die Zeit entwickelt. Aber diese Möglichkeit wird gar nicht in Betracht gezogen. Ich hab mal ganz deutlich gesagt „ich gehe nicht brechen, weil ich Stress abbauen will! Ich bin eigentlich, wenn man es genau nimmt fresssüchtig. Warum? Weils geil schmeckt und ich eben wenn ich angefangen hab, nicht aufhören kann. Das brechen ist nicht die Sucht, das ist das notwendige Übel. Keiner von uns bricht gerne, oder? Aber es kann eben auch keiner von uns einen vollen Magen ertragen. Das einzige, weswegen wir das machen ist doch das Essen?! Oder macht das auch nur ein einziger hier, weil er das Kotzen so mega findet?
    Lange Rede, kurzer Sinn: gut gemacht! Da will und muss ich auch hin, „normal essen“ ist Schwachsinn, im nächsten Leben vielleicht.
    Liebe Grüße und alles Gute, Mädels!
    Denkt dran, wir haben nur den einen Körper.

  3. Janina Batel sagt:

    Ich finde deine Aussage wirklich super und hat viel Sinn! Leider trifft dieses Schema nicht auf alle Essgestörte zu 🙁 … ich sehe den Sinn nicht wie ich zb mir 3 Jahre lang fast jegliches Fast Food inkl Zucker verboten habe jetzt Fressanfälle mit genau diesen Lebensmitteln habe sie mir weiterhin zu verbieten um so aus meine Essstörung zu kommen ? 🙁 ich bin ratlos

  4. Tanja sagt:

    Hi, ich bin gerade in der Situation. Meine Therapeutin sagt mir immer was ich essen muss und das ich keinen Sport machen darf. Was ein Quatsch!! Nicht alles ist fallsch was sie sagtIch, ich bin nach 15 Jahren zwei Monate ohne Rückfall. Jeder Tag ist anders und daher ist auch jede Aufnahme von Worten an jedem Tag anderst. Ich konzentriere mich darauf das ich gesunde Dinge esse viel Eiweiss und durch die Bulimie hab ich das Glück super schnell an Muskeln aufzubauen. Trotzdem komme ich nicht recht mit meinem Körper klar, wobei ich meinen Hintern jetzt Liebe. Was ich damit sagen wollte, Menschen die dieses Problem nie hatten, verstehen nicht was in einem Kopf vor geht und was der richtige Weg ist. Den diesen muss jeder für sich finden. Man darf sich nur niemals unter Druck. Setzen lassen. Lieber zu einem Ernährungsberater gehen und sich zeigen lassen, was gesund ist und das für sich Filtern, was man mag. Doch das Leben ohne Klo ist viel schöner und keine Angst mehr haben müssen. Geniesst das Leben, wir werden alle früh genug im Alter unsere wehweschen bekommen.

  5. Nicy sagt:

    Würdest du daher einem Klinik Aufenthalt abraten bzw kannst du bestimmte Kliniken empfehlen?

  6. M F sagt:

    Aber die vegane Ernährung und die Orthorexie, wie soll das zusammenpassen? Nach der Bulimie kam die Orthorexie, so weit klar. Aber jetzt ist vegan nicht orthorektisch? Ich stimme überein damit, dass man es mit Zucker, Fett und Fast-Food nicht übertreiben soll. Das macht auch mein Mann, der nach seinen Bedürfnissen isst, nicht. Aber warum vegan? Kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine Eier. Das ist für mich schon wieder fast orthorektisch.

    (P. S. Ich habe Magersucht, Bulimie, Orthorexie (?) durch. Bin nach Speiseröhrenkrebs-Operation jetzt in der Hinsicht quasi kastriert.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.